Neubau Freilager, Zürich (Abb.: Zeljko Gataric, Zürich).

Die Zukunft liegt in der Serie. Wie Holzbau die Bauwelt verändert

Interview mit Samuel Renggli

Leise, aber konsequent verschiebt sich das Bauen: weg von konventionellen Prozessen, hin zu serieller Fertigung. Projekte wie das Verwaltungsgebäude in Emmen oder das Freilager in Zürich zeigen, wie die Renggli AG den Wandel prägt – schnell, nachhaltig und architektonisch anspruchsvoll. Wir trafen uns in Sursee mit Samuel Renggli, COO der Renggli AG.

Was genau versteht man unter seriellem Bauen? Worin unterscheidet sich die serielle von der klassischen Bauweise?

Beim seriellen Bauen geht es um Serienfabrikation, insbesondere um Vorfabrikation. Eine Teilleistung wird bereits im Werk erbracht und nicht erst auf der Baustelle. Das ist der Unterschied zum konventionellen Bauen. Beim seriellen Bauen unterscheiden wir drei Typen: Systembauweise, Hybridbauweise mit Materialkombinationen sowie Modulbauweise, bei der eine komplette Raumzelle vorgefertigt wird. Im industriellen Holzbau werden die einzelnen Elemente montagebereit vorgefertigt – inklusive Wärmedämmung, Fassade, Leerrohre bis hin zu Geländer, Zargen- und Storeneinbau. Das führt einerseits zu einer hohen Präzision und Qualität und gleichzeitig zu einer kurzen Montagezeit auf der Baustelle.

Samuel Renggli, COO der Renggli AG, im Gespräch

Betrachten wir zunächst die Seite der Bauherren. Welche konkreten Vorteile ergeben sich für diese bei der Qualität, der Zeit oder der Kosten?

Der grösste Vorteil für den Bauherren ist sicherlich die Qualitätsebene. Das hängt mit den idealen Arbeitsbedingungen in der Fertigungshalle zusammen, da frei von Witterungseinflüssen gearbeitet werden kann. Mit entsprechender Automatisierung stellen wir im Werk Holzzuschnitte im Zehntelmillimeterbereich her, die konventionelle Bauweise liegt eher im Zentimeterbereich. Daneben ist für die Bauherrschaft die beträchtliche Bauzeitreduktion von Vorteil. Wir haben in Uster beispielsweise eine Überbauung mit 164 Wohnungen realisiert, bei der uns eine Zeitersparnis von einem Jahr gegenüber der konventionellen Bauweise gelang. Die reduzierte Bauzeit führt zu schnelleren Mietzinseinnahmen. Zudem bieten Gebäude in Holzbauweise auch in der Vermarktung einen Mehrwert. Schliesslich die Kostenseite: Heute ist der serielle Holzbau gegenüber der konventionellen Bauweise mindestens identisch unterwegs, gerade wenn ein Gebäude von Anfang an seriell gedacht ist. Noch vor 20 Jahren war das anders. Daneben garantiert die serielle Erstellung eine hohe Termin- und Kostensicherheit. Der gesamte Bau wird durchgängig bis ins kleinste Detail digital geplant, mögliche Probleme werden also nicht erst auf der Baustelle gelöst. Schliesslich profitiert auch das Umfeld der Baustelle, da durch Vorfabrikation weniger Baustellenemissionen wie Lärm, Abfall, Verkehr entstehen.

Welche Vorteile ergeben sich für Gemeinden, gerade vor dem Hintergrund steigender Immobilienpreise? Kann serielles Bauen den gewünschten Trend zur Verdichtung unterstützen?

Auf der Ebene der Politik bzw. der öffentlichen Bauherrschaft sehen wir da viele Möglichkeiten. Insbesondere beim Nachhaltigkeitsthema weiss der Holzbau absolut zu überzeugen, stellt der Bausektor doch eine grosse Emissionsquelle dar. Der nachwachsende Rohstoff Holz jedoch hat eine überragende Ökobilanz, hier kann die Politik durchaus Zeichen setzen. Dazu kommt der zeitliche Aspekt, der insbesondere bei Bildungsbauten eine Rolle spielt. Die Schweiz besitzt zwar eine beeindruckende Bildungsinfrastruktur, es gibt aber durchaus Sanierungsbedarf. Aber wie gewährleistet man den Schulbetrieb in der Bauzeit? Anstatt jetzt einfach einen Container als Klassenzimmerersatz aufzustellen, verfolgen manche Gemeinden den spannenden Ansatz, wirklich einen Komplex in serieller, oft modularer Bauweise zum bestehenden Schulhaus zu errichten. Dieser bleibt dann zwei, drei Jahre stehen und kann zu einem späteren Zeitpunkt wieder versetzt werden. Trotz einer Standardisierung kann hier, bei entsprechender Planung, eine hohe architektonische Qualität erreicht werden.

Werfen wir schliesslich einen Blick auf die Situation der Eigenheimbesitzer. Was kann hier serielles Bauen leisten?

In der Schweiz haben wir begrenzte Platzreserven. Hier rückt das Thema Nachverdichtung in den Fokus. So manch älteres Einfamilienhaus hat Ausnutzungsreserven, bei denen man sich überlegen kann, ein Mehrgenerationengebäude zu errichten. Als Gesamtdienstleister kann die Renggli AG von der Immobilienentwicklung über die Planung bis zum kompletten Bauprozess alles abbilden. Wichtig ist es, die Bedürfnisse der Bauherrschaft sauber aufzunehmen, alle Optionen anzuschauen und dann die optimale Lösung zu erarbeiten. Da ergeben sich vielfältige Lösungen, vielleicht möchte der Eigentümer eine Wohnung selbst bewohnen und eine zweite für die Kinder freihalten. Oder er realisiert weitere Einheiten zur Vermietung, um Erträge generieren zu können – wichtig gerade im Hinblick auf die Rente.

Um das Bild zu vervollständigen: wo liegen die Grenzen serieller Fertigung?

Natürlich gibt es Gebäude, die nicht für den Holzbau geeignet sind. So hat Holz im Erdreich nichts verloren. Bei einem Haus am Hang sollten die unteren Geschosse massiv sein, oben wird dann mit Holz gearbeitet. Solche Kombinationen realisieren wir immer wieder. Ein anderer Aspekt ist der Holzschutz. Wenn Holz keine Möglichkeit hat auszutrocknen, dann ist es anfällig für Beschädigungen. Da ist es wichtig, mit guten technischen Lösungen dem vorzubeugen. Grundsätzlich bleibe ich dabei: Holz ist das beste Baumaterial. Es bringt technische und physikalische Eigenschaften mit sich wie kein anderes Baumaterial. Das ist Hightech aus dem Wald.

Serielles Bauen wird aktuell als Zukunftstrend beschrieben. Spüren Sie in der Schweiz – oder sogar international – eine wachsende Nachfrage?

Auf jeden Fall, national wie international. Bis es so weit war, mussten mit Unterstützung der Forschung wichtige Meilensteine erreicht werden, vor allem auf dem Gebiet der Brandschutznormen. Noch vor wenigen Jahren durften keine hohen Gebäude in Holz gebaut werden. Das hat sich in den letzten Jahren relativiert, heute ist Holz den anderen Baumaterialien gleichgestellt. In der Schweiz ist es nun möglich, bis 30 Geschosse bzw. 100 Meter in Holz zu bauen. Von daher sage ich, serielles Bauen ist nicht nur ein Trend. Das ist auch bei institutionellen Investoren, bei der öffentlichen Hand, aber auch bei Privatinvestoren angekommen. Holzbau hat am Gesamtmarkt einen relativ kleinen Anteil, aber ich gehe von einem steten Wachstum aus. Er wird die Massivbauweise allerdings nicht komplett verdrängen, denn jede Bauweise hat ihre Berechtigung.

Kantonales Verwaltungsgebäude in Emmen.

Betrachten wir einmal ein Beispiel. Zentral für Luzern ist der Neubau des Kantonalen Verwaltungsgebäudes in Emmen. Das zeigt, dass serielles Bauen mit Holz auch im grossen Massstab funktioniert. Was kann der Baustoff Holz bei diesem Projekt leisten?

Ein spannendes Projekt und wir sind stolz, Teil davon zu sein. Es ist eine Kombination von unterschiedlichen Bausystemen. Es gibt zum einen die Fassade, deren komplexe Aussenwandelemente von uns in Systembauweise erstellt wurden, zum anderen die Büroflächen mit Geschossdecken und Stützen in Massivbauweise. Für die drei Innenhöfe, also dem öffentlichen Bereich, wurde bewusst ein sichtbarer konstruktiver Holzbau eingesetzt – ein Herz aus Holz. Wir haben hier einen beeindruckend hohen Vorfertigungsgrad bei den Aussenwandelementen mit Fassade, Fensterlaibungen, Verkabelungen etc. Und so konnten in wenigen Tagen vertikal die entsprechenden Gebäudeteile erstellt werden, ein absolutes Vorzeigeprojekt. Was noch besonders ist: Das gesamte Holz stammt aus dem Luzerner Staatswald. Serielles Bauen kann also mit Regionalität hervorragend kombiniert werden, was auch aus Nachhaltigkeitssicht beeindruckt.

Die Renggli AG gilt als einer der führenden Anbieter für nachhaltige Bauweise in der Schweiz. Wie positionieren Sie sich strategisch?

Die Renggli AG ist heute Gesamtdienstleister. Wir haben in den letzten 20 Jahren ein ganzheitliches Prozessverständnis entwickelt, also für den gesamten Bauprozess von der Immobilienentwicklung bis (teilweise) in den Betrieb. Heute realisieren wir in der ganzen Schweiz Wohnbauten – vom kompakten Mehrfamilienhaus bis zu ganzen Wohnüberbauungen. Ebenso planen und bauen wir Gesundheits- und Bildungsbauten oder gewerbliche Projekte. Bei allem sind wir klar davon überzeugt, dem Holz und der Nachhaltigkeit treu zu bleiben. Da zählen wir zu den Top-Playern auf dem Schweizer Markt.

Blicken wir in die Zukunft der seriellen Fertigung mit Holz? Wo sehen Sie das Thema in 10 oder 20 Jahren?

Für mich ist es mehr als nur ein Trend. In den nächsten Jahren wird es grosse Schritte hin zur komplett durchgängigen Digitalisierung geben, auch mit Hilfe von KI. Durch digitale Prozesse kann Komplexität reduziert und Effizienz gewonnen werden, was Kostenvorteile erzielt. Doch so optimal die Konstellation zwischen industrieller Fertigung, Digitalisierung und klassischem Handwerk auch ist, letzteres wird uns nie ein Roboter abnehmen. Das Herzstück sind am Ende die Menschen und das Team. Das grösste Gut unserer Unternehmung sind 260 top ausgebildete Arbeitskräfte, die sich tagtäglich einsetzen. Wir streben ein Umfeld an, das sowohl für uns als Unternehmung als auch für die Gesellschaft attraktiv ist.

Besten Dank für das Interview und die spannenden Einblicke.

Zur Person

Samuel Renggli ist COO und Verwaltungsrat der Renggli AG in fünfter Generation. Nach einer technischen Grundausbildung und einem betriebswirtschaftlichen Studium mit Immobilienspezialisierung ist er seit über zehn Jahren im Familienunternehmen tätig und engagiert sich für die strategische Unternehmensentwicklung.

www.renggli.swiss

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