Alamy, Antonella Bozzini

Neue Dimensionen in Holz

Zukunftsweisender Hochhausbau

Holz als Tragwerk in Hochhäusern wirkt fast futuristisch und ist doch Alltag. Der Mjøstårnet in Norwegen und das Kantonale Verwaltungsgebäude in Emmen stehen exemplarisch für diese Entwicklung. Die beiden Projekte zeigen, wie Holz Architektur leichter, grüner und eleganter macht.

Holz ist ein Baustoff mit langer Tradition, das sich heute auch in der Höhe neu erfindet. Lange Zeit galten Hochhäuser aus Holz als unrealistisch: Bauvorschriften und Brandschutzverordnungen zogen enge Grenzen. Vorschriften im Bereich Stabilität und Schallschutz standen dem Aufstieg im Wege. Doch moderne, grossformatige Holzwerkstoffe wie Brettsperrholz (CLT) und Brettschichtholz (Glulam) haben diese Bedenken entkräftet: Sie bieten hervorragende Tragfähigkeit, Verformungsstabilität und im Brandfall eine berechenbare Verkohlung der Oberfläche. Die tragende Struktur bleibt dabei intakt, während die äussere Schicht langsam abglüht.

Mjøstårnet, Eingangsbereich

Neben diesen technischen Eigenschaften punkten Holzhochhäuser auch ökologisch. Holz speichert CO₂, schlägt beim ökologischen Fussabdruck Stahl und Beton. Zudem bringt Holz ein angenehmes Raumklima, wirkt akustisch dämpfend und erlaubt präzise Vorfertigung – das bedeutet Effizienz im Bauprozess, weniger Verkehr, schnellere Montage. Nicht zuletzt schafft es eine natürliche Ästhetik, die in der Höhe besondere Wirkung entfaltet.

Wie weit das inzwischen reicht, zeigen Pionierprojekte wie das imposante Mjøstårnet in Norwegen, lange Zeit das weltweit höchste Holzhochhaus, und das Ascent MKE in Milwaukee, das seit 2022 mit 87 Metern und 25 Geschossen diesen Titel trägt. Beide Bauten machen deutlich, dass Holz längst nicht mehr nur als traditionelles Baumaterial, sondern als leistungsfähige Alternative im urbanen Hochbau gilt.

Mjøstårnet in Norwegen – der höchste Holzbau in Europa

Etwa 107 km nördlich der norwegischen Hauptstadt Oslo, in Brumunddal am Ostufer des Sees Mjøsa, erhebt sich das Hochhaus Mjøstårnet mit 18 Stockwerken und etwa 85,4 Metern über die Landschaft. Es ist heute das höchste Holzhochhaus in Europa. Umgeben von dichtem Wald und dem ruhigen See, verströmt es eine fast meditative Präsenz. Das Architekturbüro Voll Arkitekter (Trondheim, Norwegen) schuf ein Gebäude mit Hotel (72 Zimmer), 33 Wohnungen, Büros, Restaurant, Konferenzräumen, einer öffentlich zugänglichen Dachterrasse mit spektakulärem Ausblick und einem Schwimmbad, das sich fast mit der Natur verbündet. Die Konstruktion basiert auf Brettschichtholz als primäres Tragwerk, kombiniert mit Brettsperrholz für Lift- und Treppenschächte sowie Balkone. In den oberen sieben Geschossen wurden Betonplatten ergänzt, um Komfort- und Akustikanforderungen zu erfüllen.

Kantonales Verwaltungsgebäude, Emmen

Insgesamt wurden 11 300 m² Geschossfläche realisiert, davon etwa 4 700 m² in der Schwimmhalle im Anbau. Für die Holzkonstruktion kamen rund 4 000 m³ Holz zum Einsatz, also etwa 16 000 Fichten, die regional geschlagen und verarbeitet wurden. In dieser Form verbindet der Turm Leichtigkeit mit Solidität und wirkt zugleich natürlich und monumental. Die umliegende Landschaft bildet einen klaren Rahmen, der die architektonische Wirkung des Turms noch verstärkt.

Das Projekt wurde vielfach international ausgezeichnet (z. B. New York Design Award 2018, Structural Engineering Award 2021 des CBUTH) und unterstreicht, dass Holz im Hochbau weit mehr ist als ein Trend.

Das Kantonale Verwaltungsgebäude am Seetalplatz, Emmen – nachhaltig mit einem «Herz aus Holz»

Im neuen Zentrum Luzern Nord, umgeben von Reuss und Kleiner Emme, entsteht bis 2026 eine «Smart City». Im Zentrum steht das Kantonale Verwaltungsgebäude am Seetalplatz mit einer Fläche von 41 000 m². Losinger Marazzi entwickelte zusammen mit Max Dulder Architekten und dem Holzingenieur Pirmin Jung das nachhaltige Gebäude und realisiert es als Totalunternehmung für den Kanton Luzern. Geplant ist ein Sockelbau mit fünf Geschossen, ergänzt durch ein zehngeschossiges Hochhaus mit Atrium, dem «Herz aus Holz». Gut 1 420 m³ Holz, vor allem Fichte und Tanne, werden in der hybriden Struktur und der gesamten Fassadenkonstruktion verwendet.

Kantonales Verwaltungsgebäude, Atrium

Seit dem Spatenstich im Herbst 2023 kamen die Bauarbeiten wie geplant voran, im März 2025 fand bereits das Aufrichtefest statt. Die Holzmontagearbeiten mit insgesamt rund 430 Fassadenelementen sind inzwischen abgeschlossen. Die vorgefertigten Fassadenelemente stammen aus den Werkhallen der Renggli AG in Schötz. Die serielle Fertigung der Elemente sichert die Qualität und beschleunigt die Montage vor Ort – und sorgt damit für Kostensicherheit.

Durch den Neubau des Kantonalen Verwaltungsgebäudes werden 2 000 Angestellte unter einem Dach zusammengeführt und somit eine zentrale Anlauf- und Beratungsstelle geschaffen. Neben Verwaltungsräumen beherbergt das Gebäude Wohnungen, Gastronomie sowie Flächen für Dritte wie Shops oder ein Fitnesscenter.

Der Kanton Luzern hat sich ausdrücklich zu ökologischer Nachhaltigkeit verpflichtet. Dieses Gebäude steht dafür als Leuchtturmprojekt. Die Holznutzung erstreckt sich regional: das Material stammt ausschliesslich aus dem Luzerner Staatswald, kurze Wege vom Wald zum Sägewerk stärken regionale Kreisläufe. Geothermale Wärme- und Kältesysteme über einen Wärmeverbund, Photovoltaik auf Dach und Teilen der Fassade sowie die angestrebten Minergie-P ECO und SNBS Gold-Standards unterstreichen die ökologische Strategie. Die Mobilität schliesslich wird durch beste ÖV- und Veloinfrastruktur sowie Carsharing flankiert.

Holz spielt nicht nur als Gestaltungsmittel, sondern als ökologischer und bautechnischer Kern eine Rolle. Die Idee ist, das Bauvorhaben als täglich sichtbares und spürbares Zeichen eines nachhaltigen Kantons zu etablieren, also stromsparend, CO₂-arm, zeitgemäss vernetzt, zukunftsgerichtet.

Expertenmeinung

«Der Holzbau hat aus Nachhaltigkeitssicht eine ganze Reihe von Vorteilen. Als leichter, biologischer Baustoff ist Holz eine Ressource, die an sich CO₂-arm ist, gerade im Vergleich zu Beton. Dazu kommen Vorteile in den Bereichen der Kreislaufwirtschaft, wie zum Beispiel der Rückbaubarkeit einer Holzstruktur.»

Lennart Rogenhofer
Chief Climate Officer & Head of Sustainable Engineering
Losinger Marazzi AG

Hochhäuser aus Holz: modern, nachhaltig und effizient

Diese beiden Projekte zeigen, dass Holz im Hochhausbau längst mehr ist als ein ästhetischer Ansatz. Der Mjøstårnet in Norwegen demonstriert, wie vollständig holzbasierte Hochhauskonstruktionen funktionieren – mit lokaler Wertschöpfung, internationaler Strahlkraft und architektonischer Raffinesse. In Emmen stellt der Holz-Hybridbau des Kantonalen Verwaltungsgebäudes eine sinnvolle Kombination aus Robustheit, Nachhaltigkeit und Effizienz dar. Es legt dabei den Fokus auf regionale Kreislaufwirtschaft und einen schnellen, hochwertigen Baufortschritt.

Holz eröffnet im Hochbau moderne Perspektiven, solide, elegant und nachhaltig. Diese Projekte führen eine Haltung vor, bei der Architektur, Umwelt und Gesellschaft im Einklang stehen.