Ariane Widmer Pham im Gespräch in Genf

Keine Architektur ohne Stadt

Stadtplanung als kollektives Projekt

Ariane Widmer Pham denkt Stadt, wo andere nur Gebäude sehen. Die renommierte Stadtplanerin und ehemalige Kantonsplanerin von Genf hat über Jahrzehnte bewiesen, dass gute Raumplanung mehr ist als Regulierung – sie ist das Fundament einer lebenswerten Gesellschaft. Im Gespräch erklärt sie, warum Klimaschutz, Bürgerbeteiligung und Architektur untrennbar zusammengehören.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten einer fremden Person in nur drei Sätzen erklären, was Sie beruflich machen – wie würden Sie das formulieren?

Als Erstes würde ich entgegnen, dass ich mich um die Stadt kümmere. Eine Stadt entwickelt sich immer weiter, weil sie sich stetig an die Bedürfnisse der Menschen anpasst. Wir sprechen hier also von Stadtentwicklung. Dabei versuche ich, diese Entwicklung so gut wie möglich zu steuern, damit sie den Bedürfnissen aller und auch der Gemeinschaft wirklich gerecht wird.

Sie setzen sich dafür ein, Stadt-und Raumplanung ganzheitlich zu denken. Ihr Leitsatz lautet «Keine Architektur ohne Stadt». Was meinen Sie damit?

Dieser Satz ist grundsätzlich einfach zu verstehen. Architektur ist für mich etwas Individuelles, das das Individuum ausdrückt. Die Stadt steht dafür im Gegensatz und repräsentiert das Kollektiv. In jeder Gesellschaft gibt es Regeln für das Zusammenleben, an die sich das Individuum anpasst. Das Verhältnis zwischen Architektur und Stadt funktioniert auf ähnliche Weise. Deshalb brauchen wir keine Architektur, die sich isoliert, zu laut ist oder sich eigenartig verhält. Wir benötigen Architekturen, die die Spielregeln der Stadt beachten. Regelmässigkeit tut der Stadt gut.

In besonderen Fällen, wie bei einem Theater- oder Museumsbau, muss erkennbar sein, dass es sich um ein öffentliches Gebäude handelt. Dieses kann eine eigene Sprache besitzen und freier mit architektonischen Ausdrucksformen umgehen.

Von 2003 bis 2019 leiteten Sie die Umsetzung des Schéma directeur de l’Ouest Lausannois (SDOL), das als eines der innovativsten städtebaulichen Grossprojekte der Schweiz gilt. Was war die grösste Herausforderung dabei, acht eigenständige Gemeinden zu einem gemeinsamen Planungsprozess zu bewegen?

Jede der Gemeinden im Westen von Lausanne war sehr mit sich selbst beschäftigt. Die erste Herausforderung bestand deshalb darin, gemeinsam an einen Tisch zu kommen, um über übergeordnete Themen der Region zu sprechen. Es galt, ihnen verständlich zu machen, dass sie zusammen stärker sind und alle davon profitieren können. Der erste Anstoss dazu kam durch einen Zwang: ein Baumoratorium des Kantons Waadt, das auf einem Umweltgesetz basiert. Die acht Gemeinden, in denen das Auto trotz eines stark verbesserten ÖV-Netzes weiterhin sehr dominant ist, litten unter starker Luftverschmutzung, wie sie für ein Agglomerationsgebiet rund um eine Kernstadt typisch ist. Dieses Moratorium veranlasste die Gemeinden, sich erstmals zusammenzusetzen.

Zusammen mit dem Stadtplaner Pierre Feddersen wurde ein Modell für dieses Gebiet entwickelt, in dem die Gemeindegrenzen nicht mehr sichtbar waren. Nun wurde erkennbar, wie sich die Gemeinden in eine gemeinsame Landschaft einbetten und wo gemeinsame Entwicklungsbereiche liegen. All die guten Ideen aus dieser Vision sollten nun umgesetzt werden. Aus diesem Grund bin ich als Direktorin der SDOL hinzugekommen, um als Kümmerin zu wirken.

Oft wurde ich gefragt, wie lange das Vorhaben noch dauern werde, bis man erkannte, dass es diese übergeordnete Planung braucht – keine Doppelspurigkeiten mehr mit einzelnen Gemeinden, sondern gemeinsames, übergeordnetes Denken. Netzdenken ist etwas, das nur gemeinsam funktionieren kann. Wie kann man ein Bus- oder Fahrradschnellnetz über die Grenzen hinweg entwickeln, ohne mit seinem Nachbarn zu sprechen?

Blick auf Genf

Für das Projekt Lausanne Ouest führten Sie partizipative Verfahren ein und veranstalteten Testplanungen sowie Stadtbauwettbewerbe – ein damals in dieser Region noch ungewohnter Ansatz. Wo stösst die Bürgerbeteiligung in der Stadtplanung heute noch an Grenzen?

In der Romandie war die Testplanung damals noch ein relativ unbekannter Ansatz. In Zürich und Basel wurde dieses Verfahren seit den 1990er Jahren angewandt. Bei der Entwicklung eines gesamten Areals gestaltet sich die Mitwirkung häufig schwierig, da die zukünftigen Bewohner noch nicht vor Ort sind und die Fragestellungen oft komplex ausfallen. Es gilt, sorgfältig abzuwägen, wo die Partizipation für die Menschen einen Nutzen bringen kann, denn Mitwirkung ist ein anspruchsvoller Prozess.

Bei einer Testplanung lässt sich die Bevölkerung leicht einbeziehen. Man öffnet am Ende des Arbeitstages die Türen, zeigt die Resultate und teilt die Überlegungen mit den Bewohnern. So erfährt man im Austausch, was sie sich in ihrem Gebiet wünschen. Am einfachsten lässt sich dies bei kleineren Projekten umsetzen. Am effektivsten ist es, wenn der Mitwirkungsprozess kontinuierlich verläuft. In Städten wie in Bern mit seinen Quartierzünften, also kleinen Organisationen im Quartier, trifft man auf Ansprechpersonen mit Verständnis und Kompetenz für das Quartier, die sich wirklich engagieren. Für diese sind Veränderungen nicht so überwältigend, weil der regelmässige Kontakt zur Stadt besteht. So wird es möglich, Stadtentwicklung als einen kontinuierlichen Prozess zu verstehen.

Ein gutes Beispiel für den partizipativen Ansatz ist die Neugestaltung des Marktplatz
in Renens

Die Umgestaltung der Marktplatzes und der angrenzenden Strassen im Zentrum von Renens erfolgte als partizipativer Prozesses unter dem Motto «Coeur de ville». Die Bevölkerung nahm etwa an Workshops teil und konnte die Debatten der Jury zu den Studienaufträgen mitverfolgen. Das führte zu einer hohen Akzeptanz der Neugestaltung, bei der in erster Linie dem Langsamverkehr mehr Raum gegeben wurde.

Sie beschreiben Ihre Rolle in Lausanne West als die einer «reparierenden Stadtplanerin». Was müsste heute repariert werden, in Genf oder in der Schweiz?

Nicht nur in Genf, sondern in der gesamten Schweiz gibt es Orte, mit denen man nicht sorgsam umgegangen ist. In den Nachkriegsjahren wurde oft unkoordiniert gebaut. Der Bau von Autobahnen und Kantonsstrassen führte zur Durchschneidung ländlicher Gebiete, wodurch die Landschaft fragmentiert wurde. Es entstanden Orte, an denen schnell gebaut wurde, ohne dass die Architektur immer von hoher Qualität war. Gemeinsam ist diesen Orten, dass sie sehr monofunktional ausgerichtet sind, stark auf das Auto setzen und nur wenige attraktive öffentliche Räume bieten. Möchte man nun als Stadtplanerin an diesen Orten weiterbauen, erfordert dies eine ausgeprägte Verantwortung, um ihnen die Qualität zu verleihen, die sie verdienen.

Bis zum letzten Jahr waren Sie Raumplanerin des Kantons Genf und Ko-Leiterin der Vision territoriale transfrontalière du Grand Genève, die CO₂-Neutralität bis 2050 anstrebt. Wie gelingt Klimaschutz in einer Region, die zwei Länder, und zahlreiche Akteure umfasst?

Bei dieser Arbeit ging es um zwei Ziele: Das Bevölkerungswachstum sollte bewältigt werden, gleichzeitig wurde Klimaneutralität angestrebt. Wir wissen, dass Raumplanung ein äusserst wirksamer Hebel für die Erreichung von Klimaneutralität ist. Im Klimaplan des Kantons Genf beispielsweise entfallen drei Viertel der Massnahmen auf die Raum- und Stadtplanung. Dass diese Region ein grenzüberschreitender Raum ist, der verschiedene Länder, Kantone und Kommunen umfasst, erschwert die Sache zusätzlich. Dies gelingt, indem statt Abriss und Neubau bestehende Strukturen verdichtet und weiterentwickelt werden.

Mit öffentlichem Verkehr und sicheren und gut gestalteten Strassen fördert man die Stadt der kurzen Wege. Renaturierung, Bepflanzung und Vernetzen der Naturkorridore macht das Stadtklima angenehmer und schafft neue attraktive Freizeiträume. Dies zu erreichen erfordert viel Mühe, Mut und Willenskraft. Gute Raumplanung kann entscheidend dazu beitragen, das Klima zu schützen, da wir Ressourcen durch vorausschauende Planung deutlich sparsamer einsetzen können.

Seit 2019 verbindet die grenzüberschreitende Tramlinie 17 Genf und Annemasse (F).
Quelle: Pôle métropolitain du Genevois français

Sie sind die erste Architektin, die den Preis der Stiftung Dr. J. E. Brandenberger erhalten hat. Was sagt das über die Stadtplanungsbranche aus – und hat sich das Berufsfeld in den letzten Jahren tatsächlich gewandelt?

Wahrscheinlich hängt dies mit der Innenentwicklung der Städte als Lebensraum und meinem Engagement für die Raumplanung zusammen. Solange neue Quartiere auf unbebauten Flächen am Stadtrand entstanden sind, hat das kaum gestört. Man sah es nicht und es gab dort nur wenige Anwohner. Heute hingegen sieht die Lage anders aus. Das Weiterbauen in der Stadt ist zu einer gesamtgesellschaftlichen Herausforderung geworden. Deshalb rückt die Stadtplanung immer mehr in den Mittelpunkt.

Vielleicht auch, weil in der Innenverdichtung grosses Potenzial für kreative und innovative Antworten auf die Frage steckt: «Was ist die Stadt von morgen und wie will man dort leben?» Möglicherweise entsteht an diesen Orten, die wir heute noch nicht besonders schön finden, ein Teil der Schweiz, der, wenn wir ihn gut gestalten, die Schweiz von morgen repräsentiert – eine Schweiz, auf die wir ebenso stolz sein können wie auf unsere historischen Kernstädte.

Zur Person

Ariane Widmer Pham ist Architektin und Raumplanerin mit eigenem Büro in Genf. Von 2003 bis 2019 leitete sie die Umsetzung des Schéma directeur de l’Ouest Lausannois im Kanton Waadt. Von 2019 bis 2025 war sie als Stadtplanerin vom Kanton Genf für die Raumentwicklung verantwortlich.